Mundtot in der Mutterrolle

Sei selbstlos! Dein Körper ist nur ein Gefäß.

Mutterrolle: Ich war schwanger und zählte auf einmal nicht mehr. Als Individium ausgelöscht, denn ich war jetzt Mutter. Ich hatte eine Liste von Untersuchungen und Arztterminen, die vor allem sicherstellen sollten, dass ich gesund genug war und blieb, um das Kind zu gebären. Menschen schauten auf meinem Bauch und nicht mehr in die Augen. Wenn ich mich über etwas ärgerte, waren es die Hormone. Wenn ich mich kränkte, waren es die Hormone. Planen und vorbereiten sollte ich die Geburt und darüber hinaus bitte nichts mehr in meinem Leben, denn das war jetzt wirklich nicht mehr wichtig, oder?

Die Geburt meines ersten Kindes fühlte sich an wie Sterben. Die Geburt meines zweiten Kindes wie Vergewaltigung und Sterben wollen.

Das sagt man nicht. Ich hatte eine ganz normale natürliche Geburt. „Wunderschön“, wird dann in Geburtsberichten und von Hebammen so gerne verwendet. Ich hatte keine PDA, weil ich nicht mehr fähig war, während der Wehen seitenlange Zetteln zu lesen. Und dann war es zu spät. Ich hatte die Nächte davor schlecht geschlafen. Ich war seit 3.00 früh des Vortages munter und hatte, bei dieser ach so natürlichen Geburt, zunächst ein Schlafmittel (weil es ja noch nicht soweit sei), dann eine Glucoselösung, dann ein Antibiotika und noch irgendetwas bekommen. Niemand hat mich gefragt. Es wurde mir verabreicht. Meine Tochter kam um 5:00 zur Welt. Ich wartete auf das rauschhafte Glücksgefühl der neu erworbenen Mutterschaft, auf das große Vergessen des Schmerzes, aber ich war vor allem müde. Und geschockt von dieser fundamentalen Schmerzerfahrung und der Einsamkeit. Dass ich Schmerz sein konnte und nicht nur Schmerzen haben und dass drei Menschen um mich herum sein konnten und ich trotzdem ganz allein gewesen war. Ich war mir sicher, ich wusste jetzt wie Sterben geht.

Zwei Tage später traf ich am Gang eine Frau, die ich von der Geburtsvorbereitung kannte. Wir tauschten uns gerade zu unserer Geburtserfahrung aus, als eine weitere Bekannte, die zur Einleitung hier war, dazukam. Schlagartig verstummten wir. Ich dachte: Wenn ich ihr jetzt sage, dass es wirklich so weh tut, bekommt sie nie Wehen und es gibt ja doch kein Zurück mehr.

Mutterrolle notfalls medikamentös

Nach ein paar Stunden Schlaf, betrachtete ich das winzige Wesen an meiner Seite. Es überkam mich zunächst nicht Freude, sondern eiskalte Angst, ob ich der Mutterrolle gewachsen sei. Was um Himmels Willen, hatte sich dieses hilflose Geschöpf dabei gedacht, sein Leben in meine Verantwortung zu geben? Und was hatte ich mir dabei gedacht? Meine Tochter hatte offensichtlich auch Angst, denn sie hatte „Phasen, wo sie unberuhigbar ist“, wie mir die Kinderschwester bei der Entlassung mitteilte. Ein euphemistischer Ausdruck für „wir wissen auch nicht, warum sie plärrt“. Ich informierte mich. „Schreibabies schreien weil ihre Eltern nicht verstehen, was sie brauchen“, so lautete eine gängige These. Sie war kein Schreibaby nach klinischer Definition, aber nahe dran. Ein weiteres Selbstbild von mir ging den Bach runter: Bisher dachte ich, Kommunikation sei mein Metier, mein Thema, mein Talent und jetzt war ich offensichtlich nicht einmal imstande, mein eigenes Kind zu verstehen. Es war eine sehr mühsame Zeit bis meine Tochter buchstäblich endlich auf eigenen Beinen stand und mir wieder ein Stück eigenes Leben zugestanden wurde, über das Minimum hinaus, das sicherstellen sollte, meine Mutterrolle zu erfüllen.

Wenn ich diese Situation beklagte, mir Ruhe für das Beenden eines Satzes, eines Gedankens wünschte oder Erlebnisse und Themen außerhalb Kind, Mutterrolle, oder gar erwähnte, dass mich diese Co-Abhängigkeit entsetzlich nervte, ich mich fragte, ob mein Kind mit einer anderen Mutter, die all ihre mir unerklärlichen Launen verstand und duldete, besser dran wäre, wurden mir Medikamente empfohlen. Solche gegen Depressionen. Denn so zu empfinden war offensichtlich ein krankhafter Zustand. Muttersein ist per se wundervoll, sich Hingeben und Aufgeben, ein natürliches Bedürfnis. Wer nicht so empfindet, auch etwas anderes schaffen will, als ein neues Leben, muss per Medikamt wieder funktionstüchtig und auf Linie gebracht werden.  Ich bin und war aber nie komplett freudlos oder traurig, bloß wütend über dieses Gefängnis. Wütend sein ist auch depressiv, hieß es. Das macht es natürlich einfach für die herrschende Kaste, wenn alle negativen Gefühle, die aus Unterdrückung und dem Wunsch nach Selbstbestimmung entstehen, nicht berechtigte Gefühle sind, sondern therapierbare, hormonbedingte Krankheiten. Wie die Hysterie zu Freuds Zeiten.

Keine Selbstbestimmung

Kurz nachdem Abstillen, als ich meinen Wiedereinstieg plante, war ich wieder schwanger. Ich wollte zunächst nicht. Dann traf bei einem verregneten Spaziergang mit Kleinkind eine Frau, die hinter einem Baum weinte, weil die dritte Invitrobefruchtung wieder nicht geklappt hatte. Da schien es mir untragbar und schicksalhaft, ein Kind zu töten, wo doch gleichzeitig eine Frau am liebsten sterben wollte, weil sie keines hatte. Die Schwangerschaft verlief problemlos, auch wenn ich mich nächtelang fürchtete, erwägte, ob ich mich nach der Geburt nicht einfach davonstehlen sollte. „Mach keine Schwierigkeiten“, war der Auftrag, den mein Sohn schon vorgeburtlich zugeflüstert bekam.

Wochenlang hatte ich Wehen, aber so richtig kam nichts in Gang. Ich wollte einen Kaiserschnitt, hatte den Eindruck, wenn es körperlich ginge, wäre es schon passiert. Dass da etwas nicht stimme. „Das sei nicht gut für das Kind. Eine heftige Bauch-Op für die Mutter. Das Baby kommt, wenn es soweit sei.“ Mein Bauchgefühl zählte nichts. Ich kam zur Einleitung, war diesmal klug genug, darauf zu bestehen, das PDA-Formular vorher auszufüllen, was mir Missbilligung einbrachte. Ich bestand darauf, nicht länger als einen Tag einzuleiten. Der üblichen Litanei schleuderte ich: „Es ist aber schon noch mein Körper, über den ich bestimmen darf, oder?“ entgegen. Das brachte mir den offenen Hass der Hebamme ein, die mich später betreute. Was hatte ich auch hier zu wollen und zu wünschen, war ich doch bloß ein Gefäß der reinen Mutterschaft?!

Es folgte ein Horror von Wehenmittel – PDA – Wehenmittel. Ich durfte mich nicht so bewegen wie ich wollte, hatte Ganzkörperkrämpfe, wurde mal ruhiggestellt, um mich auszuruhen, dann wieder bis zum Anschlag mit Wehenmittel vollgepumpt. Ich hatte jedes Mitbestimmungsrecht über meinen Körper verloren. An mir wurde rumgezerrt, meine Bitten um einen Arzt/eine Ärztin ignoriert mit dem kaum versteckten Hinweis, dass frau Hebamme das hier alleine schaffe. Der Kindsvater kämpfte nicht für mich, sondern duckmäuserte. Dass er nicht da war, als ich ihn brauchte, hat unserer Beziehung endgültig in den Abgrund geschubst. Irgendwann, nach 8h Wehen im 2 Minuten-Takt, kam dann ein Arzt, der innerhalb von zwei Minuten feststellte, dass mein Sohn ein Sterngucker war und „er ihn da auch nicht durchbekommt“. Nach der nächsten Wehe, fielen dann die Herztöne auf die Hälfte (Nabelschnur um den Hals) und wir waren ein Notfall. Ein sehr dringender Notfall: ich habe den Anästhesisten brüllen gehört. Ich fühlte mich schuldig. Schuldig nicht mehr gekämpft zu haben für mein Bauchgefühl. Schuldig dieses Kind nicht gewollt zu haben und jetzt dafür bestraft zu werden. Er lebte und war gesund. Ich hasse Hebammen und wenn jemand von alternativ-natürlicher Hausgeburt anfängt, verlasse ich den Raum. Alternativ- natürlich wäre mein Kind tot oder schwerstbehindert.

Raus mit euch, ich bestimme!

Ein paar Menschen wollten mir dann einreden, Kaiserschnitt sei eine traumatisierende Erfahrung. Frau fühle sich minderwertig, da sie es nicht natürlich (=schmerzreich, leidend – hallo Erbsünde!) geschafft hätte. Nein. Ich war wütend, dass mich niemand eher ernst genommen hat. Ich war entäuscht, dass mein Partner kein Kampfgefährte war. Ich war erleichtert, dass mein Kind lebte. Auf einmal wollte ich es und niemanden mehr, der mir sagte, wie ich zu fühlen und was ich zu tun hatte. Eine Kinderschwester durfte zum Wickeln kommen, alle Hebammen und Stillberaterinnen habe ich verbal zur Tür rausgetreten.  Ich habe auf ein paar Tage Krankenhaus bestanden (Fernbedienung und Essen auf Knopfdruck) und das Angebot einer Hebamme für zuhause abgelehnt. Mein Vorschlag, uns stattdessen eine Haushaltshilfe zu schicken, wurde ignoriert. Es ging darum mich mir meine Mutterrolle beizubringen, nicht darum, Zeit zu schaffen, sie selbst zu definieren. Mein Sohn war ein sehr pflegeleichtes Baby. Die Kaiserschnittnarbe hat mir nie Probleme gemacht. Ich habe mich viel rascher erholt, als nach meiner ersten Geburt.

Ich will nicht mehr gefallen müssen.

Mir geht die Mutterrolle und die damit verbundenen Rollenbilder noch immer gegen den Strich. Wieder ein Anspruch an meine Weiblichkeit, dem ich nicht gerecht werde. Ich will alleine schlafen. Ich will Zeit zum Denken haben. Ich will nicht dauernd hüpfen, wenn ein Kind „Mama!“ schreit. „Ich bin nicht euer Sklave“, brülle ich meine Kinder häufig an und viel zu oft treibt mich mein ungeduldiger Wunsch nach Freiheit dazu, autoritär einzufordern, gehässig zu fluchen, statt meinen Kindern das Leben zu ermöglichen, das ich mir für sie so wünsche: eines voller Abenteuer und Ausprobieren, Möglichkeiten und Vertrauen. Trotzdem: Ich will mich nicht von anderen messen und bestimmen lassen. Ob ich eine „richtige“ Frau bin oder eine „richtige“ Mutter. Ob ich begehrenswert bin. Oder gestylt genug.

Ich beanspruche, meine Zeit auf Erden nicht damit zu verschwenden, zu gefallen. Ich will nicht mehr gefallen müssen.

 

Be more than your gender!

Mehr Chancen ein ganzer Mensch zu sein statt einer besseren Hälfte

Das wünsche ich mir für uns alle!
Über 2000 Jahre Selbstzensur und doch genug!

  • Die Chance alle Fähigkeiten und Eigenheiten zu entwickeln und zu leben unabhängig davon, welchem Geschlecht sie als typisch zugeordnet werden.
  • Die Chance als Mensch mit individuellen Eigenschaften, Vorlieben und Talenten wahrgenommen, nicht als Frau oder Mann in ein Korsett gezwängt zu werden.

    Nicht Gleichmacherei ist hier das Thema sondern das Leben der Individualität

    Das Geschlecht ist nur im medizinischen Bereich wirklich relevant – im restlichen Leben handelt es sich nur um eine willkürliche Zuschreibung an Rollenbildern und Eigenschaften, die einengend, unzureichend und diskriminierend sind. Für Männer und Frauen.

    Wer denkt, wir hätten das schon hinter uns gelassen, irrt. Ob Kinderkleidung oder Konstruktionsspiele – von Geburt an wird getrennt, und zwar stärker denn je. Das lila Fahrrad meines Sohnes ist immer wieder ein Grund zur Rechtfertigung. Da es der Industrie mehr Geld bringt, wenn Kindersachen nicht geschlechtsunabhängig weitergegeben werden, lässt sich das doppelte Geschäft machen.

    Die gleichen Handschuhe in unterschiedlichen Farben – vergiss es! Mir wird die Wahl zwischen Rosa und Blau gelassen, bei zwei Kindern unterschiedlichen Geschlechts und Größe, die ihre Handschuhe nicht verwechseln sollen, aber doch die gleichen haben wollen,  bin ich schon wieder mittendrin im Rollencliché.

    An Farben werden Eigenschaften geknüpft. „Mein blaues Fahrrad fährt sicher schneller!“, meinte so ein Knirps neulich. Es war keine Bosheit, sondern der Versuch einer logischen Erklärung für eine täglich eingeimpfte „Wahrheit“. „Buben sind schneller. Blau ist eine Bubenfarbe. Daher ist ein blaues Fahrrad schneller als ein lila.“ Es muss nicht einmal jemand laut aussprechen, die Welt ist so lange derart gestaltet, dass jeglicher Versuch der Verhaltensänderung schon im Keim erstickt wird. „Buben sind mehr für Autos und Kämpfen“, erklärte mir meine Tochter schon nach einem Jahr Kindergarten, spielte aber Zuhause dann doch gern Autos. Der Sohn ist ein sehr fürsorglicher Puppenpapa, allerdings nur, wenn seine Schwester das Spiel initiiert, sonst umsorgt er Teddybären und Hasen – die Puppen bleiben unangetastet. Die Piratenschultasche ist cool im eigenen Kinderzimmer, bereitete aber in der Schule anfangs Kummer – ein paar Kindern war sie nicht „Mädchen“ genug.

    Umdenken, die eigenen Bilder im Kopf zu ändern ist schwer. Verhaltensänderungen provozieren Konflikte, da sie das Umfeld zwingen, Gewohntes zu hinterfragen.

    Seit einigen Jahren gibt auch von der Stadt Wien Bemühungen:
    www.wien.gv.at/menschen/gendermainstreaming/beispiele/kindergaerten.html
    Leider werden sie oft lächerlich gemacht, als unnütze Geldverschwendung tituliert. Ob jetzt alle schwul werden sollen …
    Trotzdem wird Conchita Wurst stolz als Ikone der Toleranz gefeiert. Mich hingegen entsetzt es, wie Menschen, die als Mann sozialisiert wurden, die Frauenrolle definieren: High Hehls, Glimmer, Kleider, große Emotionen, Make-up und Kochen für den Mann zuhause. Der Transgender als Karikatur eines Superweibes – eine Watschen für alle Frauen, die sich gegen Clichés wehren.

    Wie wäre es, wenn die Begriffe schwul, transgender, lesbisch überhaupt aus unserem Sprachschatz verschwänden, da sie nicht mehr notwendig wären? Wenn sich Menschen begegneten und nicht Männer und Frauen?

    Der Weg dorthin erscheint mir endlos und es macht mich wütend. Nicht einmal Gleichberechtigung ist eine Selbstverständlichkeit. In vielen Teilen der Welt sind Frauen ein Objekt, das Männern gehört. Selbst in Zentraleuropa gelten Frauen alleine, solange sie nicht mit Männern unterwegs sind. „Seid ihr alleine da?“ Ledig für unverheiratet – lediglich als abwertender Ausdruck für nur, wenig. Ein Zustand, der sich schnell ändern sollte, indem die bessere Hälfte gesucht wird.

    Es brauchte in Europa über 1900 Jahre, Frauen ein Wahlrecht zu geben – wie viele tausend Jahre wird es brauchen, Mensch zu werden?